Eine uralte Praxis mit modernen Wurzeln
Yoga Nidra bedeutet „Schlaf“, doch es beschreibt nicht das Wegdämmern im Bett, sondern den besonderen Zustand zwischen Wachsein und Schlaf. Schon vor Jahrhunderten wurde dieser „bewusste Schlaf“ in der yogischen Tradition als Weg entdeckt, tiefe Regeneration bei klarem Bewusstsein zu erleben.
In den 1970er-Jahren brachte Swami Satyananda Saraswati diese Praxis in eine moderne Form. Er entwickelte auf Basis alter tantrischer Übungen eine klar strukturierte Methode, die weltweit bekannt wurde: Yoga Nidra als bewusst geführte Tiefenentspannung.
Wie Yoga Nidra wirk
Während einer typischen Yoga-Nidra-Einheit wandert die Aufmerksamkeit Schritt für Schritt durch den Körper. Achtsamkeit, Atemwahrnehmung, Visualisierungen und positive innere Vorsätze führen in die Tiefen des Unbewussten. Das Nervensystem beruhigt sich, Muskeln entspannen, Atmung und Herzschlag verlangsamen sich.
Studien zeigen: Der Gehirnzustand verändert sich dabei messbar: Alphawellen und Thetawellen nehmen zu, die typischerweise mit Entspannung, Kreativität und Heilung verbunden sind. Stresshormone sinken, die Abwehrkräfte stärken sich.
Yoga Nidra als Methode für Ausgeglichenheit
Yoga Nidra wirkt dort, wo wir am meisten leiden: bei Stress, Schlafstörungen, innerer Anspannung oder psychosomatischen Beschwerden. Durch regelmäßiges Üben trainieren wir den gegenteiligen Zustand - Entspannung - und fördern eine innere Balance auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene. Yoga Nidra wird so zu einer wohltuenden und bewusstseinserweiternden Erfahrung, die uns im Alltag hilft abzuschalten und langfristig unsere körperliche und mentale Resilienz steigert.
Schritt für Schritt zur Tiefenentspannung
Yoga Nidra folgt einer klaren Struktur mit bestimmten Phasen, die uns an die Hand nimmt und wie ein Wegweiser in die Tiefen des Unterbewusstseins führt. Jede Phase ist gezielt darauf ausgerichtet, Körper und Geist in Balance zu bringen, sodass wir in tiefe und wahrhaftige Entspannung versinken können.
1. Ankommen
Alles beginnt mit dem Finden einer wirklich bequemen Haltung. Du darfst dich so einrichten, dass du mindestens eine halbe Stunde still und entspannt verweilen kannst. Je wohler du dich fühlst, desto leichter kann sich dein Körper in die Erfahrung hineinfallen lassen.
2. Achtsamkeit entfalten
Unser Geist lässt sich selten direkt von der Alltagshektik in tiefe Ruhe führen. Deshalb bekommt er die Aufgabe, zunächst die äußere Umgebung, Geräusche und den Körper wahrzunehmen. Dadurch verfeinert sich das Körperbewusstsein und der Geist beruhigt sich.
3. Dein innerer Vorsatz “Sankalpa”
Ein kurzer, klarer Satz - in der Gegenwart formuliert - wird innerlich mehrmals wiederholt:
„Ich bin ruhig und gelassen.“
„Ich vertraue meinen inneren Kräften.“
„Mein Leben ist sinnvoll und erfüllt.“
Dieser kleine verbale Same, Sankalpa genannt, verankert sich in diesem Zustand tief im Unterbewusstsein und kann mit der Zeit seine Wirkung entfalten.
4. Das Kreisen der Wahrnehmung
Geführt von der anleitenden Stimme wandert deine Aufmerksamkeit durch den Körper: Daumen, Finger, Arme, Beine… In bestimmter Abfolge entsteht ein „mentales Abtasten“, welches die Energie – im Yoga Prana genannt – zum Fließen bringt. So erlangen wir neue Höhen der Körperwahrnehmung und erfahren uns selbst zunehmend als strömende Energie statt nur als physische Form.
5. Atembeobachtung
Je ruhiger der Körper wird, desto feiner und gleichmäßiger fließt der Atem. Hier lernst du, ihn an bestimmten Punkten – Nase, Brust, Bauch – wahrzunehmen, ohne ihn zu steuern oder zu kontrollieren. Das beruhigt dein Nervensystem und hält den Geist gleichzeitig wach und fokussiert.
6. Gegensatzpaare
Warm/kalt, schwer/leicht, freudig/schmerzlich. Durch das bewusste Wechseln solcher Empfindungen trainiert der Geist das Vertiefen und wieder Gehenlassen von Gefühlen. Wir lernen, eine gesunde Distanz zu solchen Empfindungen aufzubauen und sie wie Wolken am Himmel vorbeiziehen zu sehen - ohne uns von ihnen gänzlich einnehmen zu lassen. Durch diese Art von wechselseitigem Erleben kommen auch unsere beiden Gehirnhälften wieder mehr in Balance.
7. Innere Bilder und Visualisierungen
Wir rufen gezielt positive und schöne Visualisierungen hervor, die wie kurze Filmsequenzen vor unserem inneren Auge auftauchen: weite Wiesen, blauer Himmel, schneebedeckte Berge oder starke Symbole. Sie erscheinen meist aus dem Unterbewusstsein und wirken ebenso direkt auf das Unbewusste - sie erzeugen Ruhe, Weite und manchmal sogar neue Einsichten oder Perspektiven.
8. Der innere Bewusstseinsraum
Auch Chidakasha genannt, ist ein Raum hinter der Stirn, in dem du zum Zeugen all deiner Gedanken, Gefühle und Bilder wirst. Ganz ohne etwas zu bewerten nimmst du wahr, was du dort siehst und erlebst. Hier wächst die Fähigkeit, einfach nur da zu sein und gleichzeitig Klarheit zu spüren.
9. Geführte Meditation oder Fantasiereisen
Manchmal wird der Prozess um eine kleine Reise ergänzt: den „Tempel im Park“, einen heiligen Berg oder Begegnungen mit dem eigenen inneren Wissen. Diese symbolischen Bilder stärken das Gefühl inneren Friedens.
10. Wiederholung & Rückkehr
Zum Abschluss wird der Sankalpa noch einmal bekräftigt – wie ein innerer Anker. Dann verlässt du Schritt für Schritt den Zustand von Yoga Nidra, bewegst dich sanft, atmest bewusst und kommst erfrischt ins Hier und Jetzt zurück.
Warum die Struktur so wichtig ist
Die ritualisierte Abfolge schafft ein Gefühl von Verlässlichkeit. Unser Gehirn erkennt die wiederkehrenden Formulierungen wieder und gleitet dadurch mit jeder Übung tiefer in die Entspannung. So stärkt Yoga Nidra nicht nur den Moment, sondern auch langfristig die Fähigkeit, schneller loszulassen und ruhiger zu werden.
Was nimmst du mit?
Yoga Nidra ist eine Reise ins Innere. Schritt für Schritt, Atem für Atem, entdecken wir dabei einen Zustand, in dem Körper und Geist gleichermaßen zur Ruhe kommen. Im ritualisierten Vorgehen öffnen wir einen Raum zum Wohlfühlen, in dem wir loslassen, regenerieren und neue Energie schöpfen.














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